20 Dezember, letzter Schultag.
Geschäftig und aufgeregt laufen die Schüler des Gymnasiums durch die Flure, vorbei am
Weihnachtsbaum dessen rote und goldene Kugeln im Schein der Lichterkette funkeln.
Der Duft von frisch gebackenen Plätzchen liegt in der Luft und sorgt für weihnachtliche
Stimmung, genau wie die Weihnachtslieder, die ununterbrochen von den Fünftklässlern
gesungen werden.
Einige Lehrer und Schüler tragen Weihnachtsmützen, andere unterhalten sich mit ihren
Freunden über die anstehenden Feiertage und die dementsprechenden Vorhaben mit der
Familie. Die Wenigsten verhalten sich wie immer und niemand läuft gar traurig und missmutig durch
die Schule. Bis auf Alison. "Hey, Ally, was ist denn los mit dir?", wird sie von ihrer besten Freundin gefragt.
"Ach lass gut sein Cathy, Al hat genauso wenig Lust auf den Weihnachtskram wie ich",
nimmt Samira ihr die Antwort ab. Samira ist Muslima und feiert kein Weihnachten, doch sie hatte dies auch nie bedauert.
Insgeheim beneidet Alison ihre Freundin dafür. Samira muss nicht gute Miene zu bösem
Spiel machen, sie muss nicht lächeln obwohl ihr nach weinen zumute ist und sie muss
genauso wenig in Erinnerungen versinken die sie gleichzeitig vergessen und sich immer
wieder ins Gedächtnis rufen will.
Der Weihnachtsbaum, die Weihnachtslieder, die Plätzchen, ja sogar die Weihnachtsmützen
erinnern Alison an ihre Oma, welche vor einem Jahr verstorben war.
Als einige jüngere Schüler 'All I want for Christmas' singend an ihnen vorbei laufen, dreht sie
sich genervt weg. "Ich gehe in die Mensa, ihr könnt ja mitkommen wenn ihr wollt."
In der Mensa sitzen andere Schüler aus ihrer Klasse, zu denen sich die drei Mädchen
augenblicklich gesellen. Samira und Cathy werden sofort in ein Gespräch verwickelt, was
Alison nur recht ist. So kann sie in Ruhe ihren Gedanken nachhängen.
Weihnachten war das Lieblingsfest ihrer gesamten Familie gewesen. Stets hatte Alison
bereits Wochen zuvor mit ihrer Oma in dessen Küche gestanden und Plätzchen gebacken.
Am Heiligabend selbst waren stets sämtliche Onkel, Tanten und Cousinen angereist,
allesamt mit Weihnachtsmützen auf dem Kopf. In Alisons Kindheit hatte ihre Oma
ununterbrochen Fotos von ihr geschossen: Während des Essens, beim Geschenke
auspacken, mit ihren Eltern oder allein, ganz egal. Sie hatte gesagt, sie wolle dass Alison
diese Erinnerungen für immer in sich trage. Und das hatte sie erreicht, nur das die
Erinnerungen sie nicht mehr mit Freude erfüllen, sondern ihr Tränen in die Augen treiben.
Sie würde so tun müssen als sei alles in Ordnung, als sei Weihnachten noch immer das,
was es einst war, doch das ist es nicht. Weihnachten ohne ihre Oma ist wie Ostern ohne
Eier: Undenkbar!
"Ally?", reißt Cathy ihre Freundin besorgt aus ihren Gedanken.
"Hm? Sorry, ich war gerade irgendwie woanders", gibt diese entschuldigend zurück.
"Das haben wir gemerkt", grinst Samira.
"Wir wollten nur wissen ob du später zum Gottesdienst kommst."
Alison nickt, als die Klingel auch schon die nächste Stunde einläutet.
Nach der Geschichtsstunde in welcher wie eigentlich immer vor den Ferien nur gespielt
wurde, machen sich sämtliche Schüler auf den Weg in die Kirche. In diesem Gebäude kann
Alison sogar verschmerzen, dass das Weihnachtsfest der eigentliche Anlass für das
Zusammenkommen im Gotteshaus ist.
Die Kirche stellt für sie einen Ort der Sicherheit und des Schutzes dar, einen Ort des
Friedens und der Ruhe. Sie hatte schon immer die angenehme Stille gemocht, die ein
Gotteshaus mit sich bringt. Die kunstvollen Dekorationen und Mosaik-Fenster, welche in den
meisten zu finden sind, faszinieren sie immer wieder aufs Neue. Hier kann sie frei von ihrer
Trauer, ihren Ängsten und Sorgen sein. Sobald sie eine Kirche betritt, ist es als würde ihr
sämtliche Last von den Schultern genommen werden, sie ist dann einfach nur Alison.
Jede Woche war sie mit ihrer Oma in der Kirche gewesen, am alljährlichen Krippenspiel
hatten beide stets mitgewirkt und vor einigen Jahren hatte Alison sogar selbst eine Rolle
übernommen. Wann immer sie ein Gotteshaus betritt, fühlt Alison sich ihrer Oma näher denn
je, so auch an diesem Tag, in diesem Gottesdienst.
Die nächsten Tage vergehen viel zu schnell für Alisons Geschmack, denn nun ist es der 24.
Dezember. Seufzend steht sie vor ihrem Spiegel und übt das Lächeln ein, welches sie am Abend
aufsetzen musste. Eine undurchdringbare Maske, hinter der so viel Leid und Trauer steckt.
Ihr Blick fällt auf eine Kette, die auf ihrem Schreibtisch liegt.
Nichts Auffälliges, ein schlichter, kreisförmiger, blauer Anhänger an einem schwarzen Band.
Doch diese Kette hatte ihre Großmutter ihr einst geschenkt. Alison will ihre Oma an diesem
Tag so nah wie möglich bei sich haben, weshalb sie sich die Kette umlegt, ihr Lächeln
aufsetzt und nach draußen läuft.
Im Haus ihres Großvaters waren bereits alle Verwandten eingetroffen. Alison begrüßt ihre
Onkel und Tanten, umarmt ihre kleinen Zwillingscousinen und setzt sich anschließend zu
ihrem Opa ins Wohnzimmer. Der Christbaum funkelt in gold und rot, die Krippe war darunter
aufgebaut worden und auf dem Tisch brennen Kerzen. Dieses Jahr hatte die Familie
gemeinsam das Haus dekoriert, eine Aufgabe, die sonst stets Alisons Eltern übernommen
hatten, während sie gemeinsam mit ihrem Opa ihre Oma davon abgehalten hatte, den
gesamten Plätzchenteig im rohen Zustand wegzunaschen.
Halbherzig singt sie mit ihren Cousinen Weihnachtslieder und setzt sich sogar eine
Weihnachtsmütze auf, als ihr Hand plötzlich klingelt.
"Hey Al", hört sie die Stimme ihres besten Freundes. "Sieh mal nach draußen."
Ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, woher er das aktuelle Wetter bei ihr zu
kennen scheint wenn er doch gar nicht in der selben Stadt wie sie wohnt, läuft sie verwirrt
zum Fenster und erblickt etwas, das sie seit Jahren nicht gesehen hat: Schnee!
"Johnny das ist wundervoll!", ruft sie begeistert in ihr Handy, während sie auch schon ihre
Schuhe anzieht und ihre Familie zusammenruft. Ihre Cousinen sind Feuer und Flamme,
während die Erwachsenen nur lächeln, den Kindern gemächlich in den Garten folgen und
dabei zu sehen, wie diese sich in der weißen Pracht umherwälzen und Schneeengel auf
dem Rasen entstehen lassen.
Alison baut gerade mit ihren Cousinen und ihrer Tante einen Schneemann, als ein
Schneeball sie am Hinterkopf trifft.
Mit Rachlust in den Augen dreht sie sich um, doch als sie den Übeltäter erblickt, trifft sie der
Schlag. Nach einigen Schocksekunden breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesixht aus. "Johnny!"
Stürmisch rennt sie auf ihren besten Freund zu der sie lachend im Kreis umherwirbelt um sie
dann für eine lange Umarmung in seine Arme zu schließen.
"Was machst du denn hier?", fragt Alison aufgeregt.
"Deine Eltern haben mich eingeladen Weihnachten mit euch zu verbringen." Johnny grinst
und lässt Alison los. "Idiot, wieso hast du denn nichts gesagt?!"
"Wir wollten dich überraschen, damit du den Heiligabend auch wieder genießen kannst",
nimmt ihr Vater ihm lächelnd die Antwort ab.
"Ihr seid unglaublich", sagt Alison und fällt ihren Eltern um den Hals.
"Und ich bekomme keine Umarmung?", fragt ihr Onkel gespielt entrüstet, bevor Alison alle
Anwesenden in eine Gruppenumarmung zieht.
Irgendwann als es dunkel ist, klatscht ihre Tante in die Hände und lotst alle ins Haus um
gemeinsam zu essen. Johnny und Alison albern herum, die kleinen Zwillinge drängen
aufgeregt zur Bescherung und die Erwachsenen grinsen über das rege Geschehen am
Tisch.
Spät am Abend, nach der Bescherung und vielen Stunden voller Geschichten am Kamin,
gemeinsamen Gesang und Weihnachtsfilmen, verzieht Alison sich für einen Moment nach
draußen in den Schnee, wo sie eine Hand um den Anhänger an ihrer Kette schließt. In ihrem
Gesicht hat sich ein ehrliches Lächeln ausgebreitet, eines, welches sie längst für verloren
geglaubt hatte. Selbstverständlich war alles anders ohne ihre Oma, doch sie hat sie nicht vergessen. Alison
wird ihre Großmutter immer im Herzen tragen und sie vermissen, doch sie hofft, dass es
jetzt wieder erträglicher wird. Dass sie Momente wie diese genießen kann, ohne sich
schuldig deswegen zu fühlen. Denn eines hat dieser Abend sie gelehrt: Weihnachten ist
nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch der Hoffnung.
